Die imposanten Steilhänge der Kreideküste, der Geröllstrand am Fuß des Kliffs und ein breiter Streifen vom türkisblauen Meer, die Moore, Wiesen, Seen, Bäche und die größten zusammen hängenden Büchenwälder Norddeutschlands gehören zum kleinsten Nationalpark Deutschlands (30 km²), der am nördlichen Stadtrand von Sassnitz beginnt.
Aufgrund seiner besonderen geologischen Bedingungen bietet der Nationalpark zahlreichen seltenen Pflanzen und Tieren eine Heimat.
Im Wald der Stubnitz finden wir viele mit Wasser gefüllte abflusslose Mulden und Senken, die in der Eiszeit entstanden sind. Wo diese Wasserflächen verlanden, entstehen dann Kesselmoore. In den Senken finden wir zahlreiche Schwarzerlen. An den trockenen Stellen sind es Wildapfel, Elsbeere, Wildbirne und Eiben. Eine Besonderheit sind auch die vorkommenden Orchideenarten, wie der „Frauenschuh“.
Zahlreiche klare Bäche durchziehen den Wald der Stubnitz. Ein ungewöhnlicher Bewohner dieser Bäche ist der Alpenstrudelwurm. Er kommt sonst nur im Gebirge vor. Einzigartig ist auch das Vorkommen der „Kreideeule“. Dieser Nachtfalter hat nur auf Jasmund sein Vorkommen in Deutschland. An den Hängen und Kliffs nisten auch die Mehlschwalben. Die Mehlschwalbe (Delichon urbica) ist neben den Ufer-, Rauch- und Felsenschwalben die vierte Art aus der Familie der Schwalben, die in Mitteleuropa als Brutvogel vorkommt.

Nationalpark-Zentrum Königsstuhl
Die Kreidefelsen des Nationalparks Jasmund
Das wohl markantste Wahrzeichen der Insel Rügen ist die fast 8 km lange Kreideküste im Nationalpark Jasmund. Die Kreide entstand vor etwa 70 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit. Kreidefelsen bestehen zu 97% aus Calciumcarbonat (CaCO3) und nichtkarbonatischen Substanzen. 3/4 der Kreide besteht aus Kalkschuppen, also den Zellwänden von Coccolithen. Die jetzige Gestalt der Halbinsel Jasmund entstand gegen Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11 000 Jahren. Die Kreideküsten der Insel Rügen sind bis heute einer ständigen Erosion und somit laufender Veränderungen ausgesetzt. Vor allem im Frühjahr brechen große Stücke aus den Felsen und reißen auch Bäume und Sträucher mit ins Meer. Herausgelöst werden dabei auch Fossilien. Oft sind dies versteinerte Reste von Schwämmen, Seeigeln und Austern. Derartige erdgeschichtliche Dokumente können sowohl Körperfossilien als auch Zeugnisse der Aktivität von Lebewesen sein. Diese Fossilien sind meist wesentlich älter als 10.000 Jahre.
Unbestritten ist die Tatsache, dass die Erosion der Küste in den letzten 100 Jahren zugenommen hat. Schon im 19. Jahrhundert wurde begonnen, große Findlinge vom Ufer für den Hafenbau zu verwenden. Die Wellen haben somit bei Stürmen ein leichteres Spiel, die Kreideküste zu unterspülen. Große Findlinge und Steine fungieren als Wellenbrecher und mindern so die Wucht der Wellen auf die Kreideriffs. Natürlich sprengt auch das sich ansammelnde Wasser besonders im Frühjahr kleine und große Teile aus dem Fels oder lässt ganze Uferabschnitte ins Meer stürzen. Welche Rolle die aktuellen Klimaveränderungen spielen und welche Auswirkungen diese auf die Veränderungen im Küstenbereich haben, muss noch genauer erforscht und analysiert werden. Natürlich hat auch der zunehmende Massentourismus zu Schäden in Natur und Landschaft geführt. Nicht umsonst gibt es strenge Regeln für das Verhalten in den Schutzgebieten und im Nationalpark.
Der markanteste und bekannteste Punkt des Nationalparks ist der 118 m hohe Kreidefelsen „Große Stubbenkammer“ oder auch
„Königsstuhl“ genannt. Seit 2004 ist er in das neu entstandene Nationalparkzentrum einbezogen. Die Plattform dieses weit hervortretenden Kreidefelsens betreten im Schnitt jährlich um die 300.000 Menschen.
Weltruhm haben die „Wissower Klinken“ mit Ihren markanten Formen erlangt. Allerdings gab es am 24. Februar 2005 einen großen Abbruch und seither sind von dieser Felsenformation nur noch Stümpfe übrig. Die Annahme, dass diese Felsen für Caspar David Friedrich eine Bildvorlage waren, ist nicht unbedingt haltbar. Zu Lebzeiten Caspar Davids gab es an der Küste zahlreiche ähnliche Kreidefelsformationen, wie auch heute noch die Felsen an der „Kleinen Stubbenkammer“ – also der Schlucht südlich neben dem Königsstuhl. Sicher ist eher, dass er aus dem Sammelsurium der Eindrücke eine Bildkomposition geschaffen hat.